3. Preis (200 Euro): Deutsch-Russländische Gesellschaft Wittenberg

Laudatio Platz 3 – Dr. Rüdiger Fikentscher

Meine Damen und Herren,

der dritte Reinhard-Höppner-Engagementpreis geht an die Deutsch-Russländische Gesellschaft in Wittenberg. Die Gesellschaft ist etwas Seltenes, vermutlich einzigartig in Sachsen-Anhalt und verdient auch von uns Sozialdemokraten Anerkennung und Unterstützung. Auch unser Bemühen um Ausgleich in der Gesellschaft endet nicht an Ländergrenzen.

Der Name der Gesellschaft ist Programm, auch wenn er im ersten Moment etwas außergewöhnlich anmuten würde. Denn es geht den hierfür Tätigen um die russisch sprechende Bevölkerung, um die Menschen in der Ukraine, Weißrussland und Russland. Verständigung beginnt mit Verstehen. Voraussetzung dafür sind Wissen und Kennen von Sprache und Verhältnissen. Daran arbeitet der Verein in der Lutherstadt seit drei Jahrzehnten. Er wirkt nach außen und unterstützt die Zivilgesellschaft dieser Länder, offensichtlich aber nicht deren jeweilige Politik. Denn das wäre angesichts der gegenwärtigen politischen und militärischen Lage eine unangemessen große und nicht zu bewältigende Aufgabe.

Der Verein entwickelt und fördert überwiegend einzelne Projekte, die dann wiederum auch von anderen gefördert werden müssen. Das geschieht durch den Bund, durch Stiftungen und durch Sponsoren. Jede Förderung ist zugleich Anerkennung. Zu den Preisen und Auszeichnungen, die der Verein bisher erhalten hat, gehört der Lucas-Cranach-Preis der Lutherstadt Wittenberg, in der Kategorie „Arbeit im Ehrenamt“. Auch erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

Die Themenfelder des Vereins liegen vorzugsweise auf den Gebieten der Jugend, der Künste – insbesondere Musik – aber auch der Ökologie. Die eigenen Projekte waren nicht leicht umzusetzen, aber offensichtlich immer interessant. Die Jugendbegegnungen zu musikalischen, ökologischen, historischen Themen erfolgten zusammen mit den Partnerstädten Mogiljow, Mozyr und Minsk in Belarus sowie Kaliningrad in Russland.

Besonders die Musik spielt für die Völkerverständigung eine wichtige Rolle. Dabei wird die gute Zusammenarbeit mit der Kreismusikschule auch in den regionalen Medien hervorgehoben. Auf diese Weise ist sie weithin öffentlich bekannt geworden. Es gibt Austauschprogramme mit Workshops und vielfältigem Fachtourismus zu ökologischen Themen, zur Kommunalwirtschaft und Medizin.

Liest man das veröffentliche Programm der Gesellschaft aus dem Jahre 2016, so tritt diese ganze Vielfalt zu Tage – beispielsweise in der Zusammenarbeit mit der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt unter dem Motto „Der rote Terror in der Kirche“. Dabei ging es um die Aufarbeitung der stalinistischen Verbrechen. Denn auch die Kirchen fielen dem Terror der Stalin-Zeit zum Opfer.

Und in diesem Jahr, 2021, standen in Verbindung mit der Reise unseres Bundespräsidentin Frank-Walter Steinmeier die Verbrechen der Nationalsozialisten im Bereich von Belarus während des Zweiten Weltkrieges im Fokus der Betrachtung.

Hinzu kommt das Bemühen um Aufarbeitung, der eine ehrliche und ungeschminkte Benennung der Vergangenheit vorausgehen muss.

Zu nennen ist außerdem der Auftritt der Gesellschaft auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof und der Friedenszug Berlin - Warschau - Brest - Minsk - Smolensk - Moskau.

Ein besonderes Geschenk der Versöhnung hat es zusätzlich gegeben. Dem künstlerischen Nachlass von Walter Wichmann wurden 30 Aquarelle entnommen. Er hatte sie als junger Soldat der Wehrmacht in den ersten Kriegsmonaten im zerstörten Belarus gefertigt. Darin ist das ganze Ausmaß der Schäden festgehalten worden. Diese Bilder wurden nun an das Museum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges in Minsk übergeben. Dazu kamen ein Katalog und ein Kriegstagebuch.

In diesem Jahr war das ursprüngliche Programm offensichtlich besonders reich gefüllt mit unterschiedlichen einzelnen deutsch-russischen Begegnungen. Hervorzuheben scheint mir die inzwischen 28. Internationale historische und künstlerische Jugendbewegung Wittenberg-Mogiljow Anfang Oktober.

Dabei kann es bei der Bewertung der Vereinstätigkeit angesichts der Coronabedingungen nicht entscheidend sein, inwieweit die einzelnen Pläne gegenwärtig umgesetzt werden konnten, sondern dass diese gemeinsam mit den Partnern überhaupt entstanden sind. Vielleicht kann manches nachgeholt werden.

Es gilt abschließend hervorzuheben: Ohne das Engagement vieler Einzelner hätte es nicht zu dieser Vielfalt an Unternehmungen kommen können. Doch unser Preis geht an den Verein Deutsch-Russländische Gesellschaft insgesamt. Dazu gratulieren wir – und auch ich ganz persönlich – allen gemeinsam recht herzlich.