1. Preis (500 Euro): Noël Kaboré

Laudatio Platz 1 – Renate Höppner

Lieber Noël Kaboré,

wir ehren Sie heute für Ihren Mut, „Stopp“ zu sagen. Gegen Rassismus für Menschlichkeit. Wir danken Ihnen für Ihre Zivilcourage und Ihre Fantasie, mit der Sie uns auf dieses latente Problem in unserem Land aufmerksam machen. Ihr Engagement treibt Sie um in ihrer verantwortlichen Arbeit beim LAMSA e.V. und in ihrer Freizeit.

Und ich kann nicht verhehlen, dass ich auch ein Stück beschämt hier stehe. Beschämt darüber, wie alltäglich und allgegenwärtig der Rassismus hier bei uns ist. Erschrocken darüber, dass so wenig Menschen diesen Alltagsrassismus als solchen begreifen und sich nicht erschrocken über sich selber ändern.

Ich habe im Vorfeld überlegt: Wo habe ich vielleicht Rassismus einmal selber erfahren auf meinen Reisen in meinem Leben? Einmal und das war richtig hässlich. Es war der blanke Hass, der eigentlich nicht mir galt. Ich war mit unserer jüngsten Tochter in Südafrika unterwegs in der kleinen Karoo Wüste. Wir hielten in einem kleinen Ort an, an einem Haus mit wunderschönem Garten und einem Schild “Bed and Breakfast and Cafe“. Und weil wir Hunger hatten, freuten wir uns schon auf die Pause. Ein älteres, uns gegenüber sehr freundliches weißes Ehepaar empfing uns, lud uns in ein sehr britisches Wohnzimmer ein und bat uns einen kleinen Moment zu warten. Und dann kamen sie zurück mit herrlichem Blaubeerkuchen und duftendem Kaffee. Bevor wir richtig anfangen konnten zu essen, fragten sie uns, was wir zwei Frauen unterwegs in Südafrika machten. Und wir erzählten, dass wir die Gartenroute abgefahren waren, sehr viel Schönes gesehen hatten, nur freundlichen offenen Menschen begegnet sind und jetzt auf dem Rückweg nach Cape Town wären. Leider beging ich den Fehler, auf ihre Frage, ob wir Touristen wären, nicht einfach ja gesagt zu haben, sondern ihnen erklärte, unsere Tochter wäre ein Schuljahr zum Austausch in Cape Town und ich hätte sie besucht. Auf die Frage, in welcher Familie, antwortete ich wahrheitsgemäß: „In einer wunderbaren farbigen muslimischen Familie.“ Was darauf folgte war unbeschreiblich. Dieses nette Ehepaar beschimpfte mich auf das Übelste. Ich wäre völlig verantwortungslos, mein Kind in solch eine Familie zu geben und mir schlug ein Hass entgegen, der mich tief erschütterte. Gar nicht um meinetwillen, sondern vielmehr um dessentwillen, was hinter diesem Hass lag. Ich zog mein Portmonee und legte Geld auf den Tisch und sagte: „In einem Haus mit so viel Hass und Vorurteilen könne ich nichts essen.“ Und wir fuhren hungrig und erschrocken weiter.

Rassismus tut, das weiß ich seitdem, richtig weh und es ist so umfassend. Und es ist gar nicht unbedingt das einzelne Ereignis, sondern vielmehr das Denken, was dahintersteckt. Und auch das ist wie symbolisch in dieser kleinen Begebenheit: Man bleibt hungrig nach ganz normaler Menschlichkeit.

Diesen Hunger nach Menschlichkeit für sich und andere zu stillen, das haben Sie sich zur Aufgabe ihres Engagements gemacht und dafür danke ich Ihnen sehr. Und dafür ehren wir Sie heute, die SPD, die SPD-Landtagsfraktion und auch ich.

Sie fordern das, was eigentlich für jeden Menschen selbstverständlich sein sollte: Die Anerkennung als gleichberechtigte Menschen. Sie sind geboren in einem Land, das schon in der Bezeichnung den aufrichtigen Menschen trägt. Und nun sind Sie seit über zwölf Jahren in einem Land zu Hause, wo Ihnen Rassismus in einer Weise begegnet, dass es einem schon mal den Atem stocken lässt. Da werden Sie bei Behörden besonders laut angesprochen – Sie sind nicht schwerhörig. Da wird betont langsam und in stockendem falschen Deutsch mit ihnen gesprochen, als hätte Ihr Gegenüber einen Sprachfehler. Meine Freundin, die im Rollstuhl sitzt, zierlich und klein ist, die sagt dann manchmal einfach, wenn es ihr so geht: „Ich habe es in den Beinen und nicht im Kopf.“

Sie wollen zurecht die Menschen aufrütteln. Sie stellen sich allein hin mit einem Schild „Rassismus - Stopp“. Und die überwiegende Reaktion: Es sieht keiner hin. Sie wollen aufrütteln. Wir sollen hinsehen, wir sollen uns ansehen, wir sollen einander respektieren als das, was wir sind: Menschen und Mitmenschen sollen wir sein.

Im Rassismus sehe ich am meisten unser europäisches christliches Abendland gefährdet, wie es manche politische Gruppen bei uns beklagen. Und sie tun genau dies mit ihrem Rassismuswahn.

Unser Grundgesetz betont in Artikel 1, und darüber bin ich immer wieder sehr froh, die Würde des Menschen ist unantastbar.

Das Christentum glaubt, wie andere Religionen durchaus auch, dass jeder Mensch ein Geschöpf Gottes ist und darin liegt diese Würde begründet. Sie ist für jeden Menschen, egal wo er geboren wurde, unantastbar.
Und Sie setzen Ihre Kraft, Ihre Freizeit und Ihren Mut dafür ein, die Menschen in Sachsen-Anhalt aufzurütteln und sich gegen jede Form von Rassismus zu stellen. Sie haben die „Black Lives Matter“-Demonstration in Halle organisiert. Sie haben die Initiative „Bürger aus Burkina Faso“ oder ich könnte auch sagen die Initiative der „Aufrichtigen Menschen“ ins Leben gerufen. Sie nutzen Ihre Begabung und Fähigkeit verschiedene Sprachen zu sprechen, um anderen Freude zu bereiten, zum Beispiel durch französischsprachige Führungen im Stadtmuseum von Halle.

Mir ist es eine Freude, Sie heute ehren zu dürfen mit der Verleihung des Reinhard-Höppner-Engagementpreises 2020.

Mein Mann wäre nie an Ihnen vorübergegangen, ohne mit Ihnen zu sprechen und nicht ohne Sie zu ermutigen, Ihren Weg weiterzugehen und nicht nachzulassen. Ich tue es stellvertretend für ihn heute. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihr Engagement und lassen Sie sich ermutigen weiterzumachen, sich Verbündete zu suchen und mit ihnen gemeinsam die Menschen zum Umdenken zu bewegen.

Nun habe ich mir sagen lassen, dass Sie sehr gern Fußball gucken, aber nicht mehr ins Stadion gehen – eben deshalb, wegen des Rassismus. Und so lade ich Sie jetzt ganz herzlich ein im Namen von Jörg Biastoch von Humanas ins Stadion nach Magdeburg, sobald wieder Zuschauer im Stadion zugelassen sind. Das Derby Magdeburg gegen Halle in dieser Spielzeit ist zwar durch, aber es gibt noch sehr interessante Heimspiele des FCM. Und damit sich Ihr Ausflug lohnt, gibt es eine Führung durch unseren wunderbaren Dom dazu. Und falls es noch länger dauert, dass wieder Zuschauer ins Stadion dürfen, dann gibt es hoffentlich in der neuen Spielzeit wieder ein Sachsen-Anhalt-Derby, wenn sich Magdeburg entsprechend anstrengt und dann sehen wir uns das gemeinsam an.

Ich gratuliere Ihnen von ganzem Herzen. Ich wünsche Ihnen Kraft für Ihr weiteres Engagement gegen Rassismus und bleiben Sie behütet - als Pfarrerin darf ich das, glaube ich, so sagen.

Rassismus - Stopp! Aufrichtige Menschen brauchen wir!