2. Preis (300 Euro): Geschichtswerkstatt Merseburg-Saalekreis e.V.

Laudatio Platz 2 - Rüdiger Fikentscher

Meine sehr geehrten Damen und Herren und Bewerber um einen Reinhard-Höppner-Engagementpreis 2020.

Es ist für mich eine große Ehre und Freude, nun bereits zum dritten Mal an der Verleihung dieses schönen Preises beteiligt zu sein. Unsere Jury hat entschieden, dass die Geschichtswerkstatt Merseburg-Saalekreis den zweiten Preis erhält.

Zunächst will ich Ihnen sagen, wie sehr ich das begrüße, dass dieser Preis im Namen meines langjährigen Freundes Reinhard Höppner erdacht und verwirklicht worden ist. Wie gut dieser Gedanke ist, zeigt sich an der Beteiligung.  Auch im dritten Jahr ist sie trotz erschwerter Bedingungen sehr groß. Es wurden 38 Anträge gestellt. Die Jury hatte es nicht leicht. Unter vielen Projekten und bemerkenswerten Leistungen mussten die besten ausgesucht werden und von denen wieder die drei allerbesten. Allerdings dürfen sich am Ende alle geehrt und anerkannt fühlen. Sie bekommen das auch bestätigt.

Aber nun zur Geschichtswerkstatt Merseburg-Saalekreis. Hier wird Geschichte nicht nur hergestellt im Sinne von nur Erforschen und Aufschreiben. Es wird Geschichte erlebbar gemacht. Und zwar die Zeit von 1933 bis 1945, die Herrschaft der Nationalsozialisten. In dieser Zeit geschah unendlich viel Unrecht und wurde in Deutschland, Europa und in weiten Teilen der Welt Schreckliches erlitten. In der Geschichtswerkstatt wird die Frage gestellt: Was ist damals hier bei uns geschehen? Mit außerschulischen Projekten für Schüler soll den jungen Leuten nahe gebracht werden, welche Lehren aus diesen Jahren zu ziehen sind, was man aus der Geschichte lernen kann, lernen soll, in unserem Fall lernen muss. Denn keineswegs allen Menschen unserer Zeit ist die Vergangenheit bewusst, doch sie ist unsere eigene Vergangenheit, die noch nicht lange zurückliegt. Diese Unkenntnis führt zu einem gefährlichen Verhalten. Neonazismus, Antisemitismus, Völkerhass können wieder Raum greifen, wie wir allenthalben hören und leider auch erleben müssen. Genau dagegen arbeitet der Verein konsequent und vielseitig an. Er verbreitet Erkenntnisse. Diese sind zwar nicht neu, aber leider weithin vergessen und missachtet. Die Erkenntnis besteht darin, dass sich die Geschichte nicht nur irgendwo anders in der Ferne abgespielt hat, sondern bei uns vor der Haustür und wohl in vielen Fällen auch hinter der Haustür. Und zwar lokal und regional im Kreis Merseburg-Saalekreis.

Das geht uns auch heute noch viel an. Und glücklicherweise gibt es noch Menschen, die diese Zeit erlebt haben und darüber berichten können. Was sagen diese Zeitzeugen über unsere Vergangenheit? Doch das Ziel aller Bemühungen des Vereines erschöpft sich nicht in der Erforschung der Vergangenheit. Das ist nur Mittel für einen höheren Zweck. Es geht vielmehr um die Zukunft auf der Grundlage solcher Kenntnisse, damit diese klarer und entschlossener gestaltet werden können.

Und wie geschieht das alles? Wie wird das Ziel aktiver Erinnerung für ein neues Europa erreicht? Dazu organisiert die Geschichtswerkstatt jährlich internationale Wochen zum Thema Erinnerung und Begegnung im lokalen Raum. Jugendliche und Zeitzeugen treten in einen Dialog. Weil dies alles verbunden mit Besuchen von Gedenkstätten, Zeitzeugengesprächen vor Ort und Seminaren verbunden ist, wird die Lokalgeschichte lebendig und anschaulich. Im Dialog wird daraus europäische Erinnerungskultur.

Weil zu den internationalen Partnern auch Schulen, Gedenkstätten, Stiftungen, Opfergruppen und Organisationen aus Polen, den Niederlanden und Russland gehören, ist der Austausch wahrhaftig international. In jedem Monat Mai, so auch im kommenden Jahr, wird wieder die Frage gestellt: Was können, was müssen wir gemeinsam aus der jüngsten Geschichte lernen? Kurzum: Das übergreifende Motto heißt: Aufklärung über die NS-Diktatur.  Die Schlussfolgerung aus den Ergebnissen heißt: Aktiv gegen Rechts. Diese Aufforderung ist gerade in unserer Zeit leider dringend notwendig. Und weil die Geschichtswerkstatt Merseburg-Saalekreis die theoretischen und organisatorischen Grundlagen dafür schafft, hat sie einen Reinhard-Höppner-Engagementpreis verdient.

Ich danke Ihnen.