1. Preis: Künstlerstadt Kalbe e. V.

Laudatio – Renate Höppner, Pfarrerin i. R.

Renate Höppner, Pfarrerin i. R.Verliebt sein - ich hoffe, dass kennen Sie alle. In einen Menschen, groß oder klein, den ersten Freund, die Ehefrau, das Enkelkind, in den Hund ... Dieses Kribbeln im Bauch, diese Freude, wenn ich ihn anschauen kann oder mich erinnere vor meinem inneren Auge. Verliebt sein ist auch immer etwas Unsicheres, wird es erwidert, hat es Zukunft oder bin nur ich es. Es schwingt immer ein wenig Unsicherheit mit, großer Erwartung und viele Träume. Deswegen scheuen sich auch manche Menschen sich zu verlieben, weil sie meinen, vor Enttäuschung muss ich mich schützen. Es gehört auch immer Mut dazu, sich zu verlieben. Mut zu sich selbst.

Nun kann ich mich nicht nur in Menschen verlieben, auch in eine Landschaft oder in eine Stadt.

Wenn Sie mich fragen: Prag gehört für mich dazu. Die erste Stadt im Ausland, die ich mit Reinhard vor 49 Jahren mit dem Motorrad erkundet habe. Wir sind immer wieder gern - verliebt ineinander und in die Stadt dort gewesen. Oder meine Heimatstadt Erfurt mit ihrer wunderbaren Altstadt, viele Ecken hier in Magdeburg, diese unterschiedlichen Domblicke - einfach schön. Und dann erst die Landschaften: der Blick vom Brocken über das weite Land, die Alpen, das Wallis, das Matterhorn ... Ich denke spätestens jetzt hat jeder und jede von Ihnen die Orte vor Augen, in die Sie verliebt sind.

Sich in eine Kleinstadt in der Altmark zu verlieben so kurz nach der Wende, als alles mehr oder weniger so reparaturbedürftig war, dass keiner so richtig wusste, wo zuerst anfangen - dazu gehörte schon Mut. Aber den hatten Sie - Liebe auf den ersten Blick in diese kleine Stadt mit einem viel zu großen Kulturhaus, die Reste einer alten Burg, zu vielen baufälligen Fachwerkhäusern, für je 37 Bewohner der Kleinstadt eine quasi eigene Brücke, bei 3800 Einwohnern - genau, richtig gerechnet, diese Kleinstadt hat mehr als 100 Brücken.

Und ich denke, spätestens jetzt ahnen Sie, in welche Kleinstadt sich unsere Preisträgerin verliebt hat. Eine Wassermühle und eine große Kirche 1170 als romanische Basilika erbaut und 1755 im Barockstil erneuert, ragt ihr Turm heute hoch über die Stadt hinaus. St. Nikolai - das sind die Wahrzeichen der Stadt. Ludolf Müller, der erste Bischof der Kirchenprovinz Sachsen nach dem 2. Weltkrieg stammt aus der Nikolaigemeinde in dieser Kleinstadt. Er gehörte zur Bekennenden Kirche, die sich klar gegen Hitler gestellt hatte und war so zu Recht geeignet, ein glaubwürdiger Bischof der Kirche nach dem Krieg zu sein. Er gehört, wie die von Alversleben zu den berühmten Söhnen der Kleinstadt.

Nun steht heute in Wikipedia unter den berühmten Söhnen und Töchtern dieser Kleinstadt noch ein Name und sie wollen wir heute ehren, Ihr Engagement für Kalbe, ihre Liebe und Begeisterungsfähigkeit, die viele andere mitreißt, die erreicht hat, dass heute Menschen in Hamburg, Bremen und Berlin bis hin in die Ukraine diese Kleinstadt kennen und lieben gelernt haben: Kalbe an der Milde, die Stadt der hundert Brücken. Diese Kleinstadt, die flächenmäßig heute so groß ist, wie eine Millionenstadt, aber von der Einwohnerzahl her eine Kleinstadt geblieben ist, die hatte es ihr von Anfang an angetan.

Corinna Köbele kam Mitte der 90iger Jahre als Psychologin an die Rehaklinik in Kalbe Milde. Von Anfang an haben Sie diese Kleinstadt in ihr Herz geschlossen. Sie sind richtig hierhergezogen und angekommen, auch bei den Menschen. Ihr Beruf bringt es mit sich, dass sie gut hinter die Fassaden sehen können, bei den Menschen berufsbedingt und bei den Häusern irgendwie auch, sie haben hinter den verfallenden Fassaden gesehen, was daraus gemacht werden könnte. Aber genauso klar war ihnen, das ist kein „Einfrauprojekt", das kann nur mit vielen zusammen gelingen. So machten sie sich auf die Suche nach Mitstreiterinnen. Und das haben sie so gemacht, wie es beim Schiffbau gehen sollte: Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer. Sie haben sich auf die Suche nach Verbündeten gemacht und gemeinsam überlegt, was brauchen wir, was tut uns Menschen in der Altmark gut, was können wir mit unserer kleinen Kraft leisten ohne uns zu überheben?
Was brauchen wir an Kultur?
Was können wir anderen anbieten als Chance?
Was hilft den Menschen auch in der Reha gesund zu werden?
Was könnte Menschen bewegen hier zu bleiben und nicht in die großen Städte abzuwandern?

Während Sie, liebe Frau Köbele, all diese Fragen immer wieder angegangen sind, haben sie ihren Arbeitsalltag nach Bismark verlegt und ihre ganze Freizeit war mit diesen Fragen ausgefüllt.

Sie haben seriös klein angefangen mit der ersten Sanierung. Sie haben es geschafft, die Sehnsucht in den Menschen zu wecken nach einer vielfältigen Kultur, nach dem Willen, wir können das schaffen mit unserer Kraft und mit der Hilfe von vielen, auch allen Auflagen des Denkmalschutzes zum Trotz.

In all den Jahren, vor der Gründung des Vereins „Künstlerstadt Kalbe" 2013 und in den Jahren danach haben sie insgesamt 14 Häuser mit Kultur und Kunst und anderen Ideen gefüllt. Sie geben Künstlern ein Zuhause auf Zeit, in dem sie hier in Kalbe in Ruhe arbeiten können, sie haben 2 dieser Häuser von Grund auf saniert und arbeiten unverdrossen weiter. Sie wollen mit ihrer Arbeit Zuzug fördern und für die Menschen hier Bleibeperspektiven entwickeln.

Sie bieten Sommercamps und Wintercamps an 80 Tage im Jahr an. Sie halten Deutschkurse über die vielen Jahre, die Flüchtlinge schon zu uns kommen, aus Afghanistan und Syrien und jetzt aus der Ukraine. Sie haben einen Garten der Nationen, sie können locker internationale Küche immer wieder anbieten, sie beteiligen sich an dem herrlich unprätenziösen Bänkefest.

Eine wunderbare Idee:
Vor das eigene Grundstück eine Bank stellen, eine Kleinigkeit anbieten und miteinander ins Gespräch kommen. So einfach kann feiern und kennenlernen gehen!
Mir kam es bei der Vorbereitung für heute vor, als wäre Ihr Ideenreichtum, liebe Frau Köbele schier unerschöpflich: sie arbeiten mit vielen der 52 Vereine in der Stadt zusammen, sie pflegen die Kontakte zur Rehaklinik und den Kirchgemeinden der Stadt. Sie haben gelernt, Wandel als Chance zu begreifen.

Sie geben Künstlern Raum, ihre Ideen zu leben und zu gestalten. Sie organisieren Ausstellungen und Künstlergespräche.
Sie haben ein Gründerlabor ins Leben gerufen, um potenziellen Gründern den Start zu erleichtern.
Eine Kunstlotterie altmarkweit mit großartigen Gewinnen gehört zu den Ideen, die Sie eingebracht haben: Und das Beste daran: Der Gewinner hat das Recht, den Ort seines Gewinns zu bestimmen: Wo soll die Lesung, das Konzert etc. stattfinden: im Wohnzimmer, im Garten, in der Kirche, an der Burg. Sie sorgen auch damit für eine
neue Gewinnkultur.

Nun stoßen Sie, liebe Frau Köbele viel von dem an, aber allein leistbar wäre dies niemals. Sie haben großartige Mitstreiter an ihrer Seite, an ihrer Seite sind im engeren Kreis 20 Menschen und im erweiterten 50 wunderbare Mitstreiter. Weltweit hat ihr Verein über 130 Mitglieder. Sie können die Menschen begeistern und überzeugen, dass ihr Engagement sich lohnt, das Kraft und Zeit und Geld zu investieren für eine offene, tolerante, kreative und zukunftsorientierte Gemeinschaft sich lohnt. Und dass es spannend ist, neue Menschen, neue Denkweisen, andere, auch bedrückende Lebenserfahrungen zu teilen und voneinander zu lernen. Das gerade noch laufende Festival MOTANKA mit ukrainischen Künstlern ist ein Zeichen dafür. Im Konzert am 2.12. in der Nikolaikirche haben sie Gelegenheit, dass zu
erleben.

Mir ist es eine große Freude Ihnen heute den ersten Preis des Reinhard-Höppner-Engagementpreises zu überreichen. Es soll ein Zeichen der Anerkennung, des Dankes und der Ermutigung sein.

Meinem Mann lag der ländliche Raum immer sehr am Herzen. Er ist auf dem Land groß geworden und kannte die Herausforderungen des ländlichen Raumes aus der eigenen Lebenserfahrung im elterlichen Pfarrhaus. Er freute sich über die vielen kleinen und großen Initiativen im Land, den ländlichen Raum in die kulturellen Perspektiven unseres Landes einzubinden und sich eben nicht nur auf die Leuchtturmprojekte des Landes zu konzentrieren. Aber er hat auch immer gesehen, dass die Initiativen auf dem Land nur mit wesentlich mehr persönlichem Engagement über lange Zeit zu entwickeln sind.

Genau deshalb ist es mir eine besondere Freude, Ihnen Frau Corinna Köbele den Reinhard-Höppner-Engagementpreis zu überreichen Ihnen und Ihren vielen Mitstreiterinnen verbunden mit dem Wunsch nach einer guten kreativen und spannenden Zukunft für die Künstlerstadt Kalbe an der Milde mit ihren 100 Brücken.