Sonderpreis: Simone Pareigis | SHG Leukämie- und Lymphompatienten Halle (Saale)
Laudatio – Dr. Katja Pähle, Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,
wenn wir über Engagement sprechen, richten wir unseren Blick oft zuerst auf große Projekte oder öffentlich sichtbare Initiativen. Doch ein großer Teil dessen, was unser Zusammenleben trägt, entsteht an Orten, an denen keine Kameras stehen. Dort beginnt der Faden, aus dem Verantwortung entsteht.
Ich möchte deshalb mit einem Bild beginnen: Engagement ist wie ein Faden, der immer weitergegeben wird. Er verbindet Menschen, Situationen und Erfahrungen. Und er hält auch dann, wenn andere Strukturen brüchig werden.
Die Person, die wir heute ehren, hat diesen Faden über zwei Jahrzehnte hinweg fest in der Hand gehalten.
Der Anfang dieses Weges lag in der Selbsthilfe. Eine eigene schwere Diagnose wurde für sie nicht zum Rückzug, sondern zum Ausgangspunkt eines Engagements, das bis heute anhält. Sie entwickelte eine Selbsthilfegruppe für eine spezielle Form der Leukämie – einen Raum, in dem Betroffene Orientierung und gegenseitige Unterstützung finden. Dort haben auch wir uns kennengelernt. Seither ist zu beobachten, wie aus persönlicher Erfahrung gesellschaftliche Verantwortung geworden ist.
Aus dieser Gruppe sind Initiativen entstanden, die weit über Halle hinausreichen. So gibt es zum Beispiel eine Nähgruppe, die praktische Dinge für krebskranke Menschen herstellt. Es gibt Backaktionen auf onkologischen Stationen, die den Klinikalltag spürbar verändern. Oder die Informationsbroschüre „Ich hab’s im Blut“, die Betroffenen Mut und Wissen gibt. Nichts davon ist laut, aber alles wirkt.
Ihr Engagement endet jedoch nicht im direkten Umfeld. Sie bringt die Stimme der Patientinnen und Patienten in Fachkolloquien auf Landes- und Bundesebene ein. Sie ist dort präsent, wo über Versorgung, Daten und Strukturen verhandelt wird. Viele reden über Patientenorientierung – sie lebt sie.
Sie gestaltet den Gesundheitsweg aktiv mit. Ihr Engagement hat einen sehr persönlichen Ursprung: Mit ihrer eigenen Diagnose begann sie damit, ihre Patientenakte zu digitalisieren. Mehr als 20 Kilogramm Papier wurden zu einem Projekt, das sie konsequent weiterentwickelt hat. Aus dieser Erfahrung entstand das Konzept „meine WEGA“ – eine webbasierte Gesundheitsakte, die Patientendaten vollständig digital abbildet und Betroffenen ermöglicht, ihre Behandlung nachvollziehbar und transparent zu begleiten. Was als private Notwendigkeit begann, wurde zu einem Impuls für eine Frage, die das gesamte Gesundheitswesen beschäftigt: Wie schaffen wir Strukturen, die Menschen im Krankheitsverlauf handlungsfähig machen?
Ebenso ist sie Mitglied im Behindertenbeirat der Stadt Halle. Dort macht sie auf die Probleme von Menschen mit Behinderungen aufmerksam, die im Alltag mit Barrieren konfrontiert sind, die andere nicht sehen.
Ein Beispiel zeigt besonders deutlich, wie sie arbeitet: Vor wenigen Tagen war sie gemeinsam mit dem Team des „Bus Vier Jahreszeiten“ unterwegs. Dieses Projekt unterstützt obdachlose Menschen. Der Behindertenbeirat hatte unzählige Plätzchen gebacken und über 80 Paar Socken organisiert, die an fünf Stationen im Stadtgebiet verteilt wurden. Fast fünfzig Menschen konnten an diesem Tag erreicht werden. Es war keine große Aktion, keine Bühne, keine Schlagzeile. Es war Hilfe, die genau dort ankommt, wo sie gebraucht wird. Und es war Wärme, die nicht nur behauptet, sondern auch spürbar war.
Der Behindertenbeirat engagiert sich zudem bei Typisierungsaktionen für Stammzellspenden und hilft beim Kältebus mit, wenn Hilfe buchstäblich überlebenswichtig ist. Ihr Faden reißt nicht ab. Er knüpft sich weiter – Schritt für Schritt – und orientiert sich dabei immer an den Menschen.
All das ergibt ein Bild, das größer ist als jede Einzelmaßnahme. Dieses Engagement ist nicht episodisch. Es ist eine Haltung.
Und deshalb ist es mir eine besondere Freude, an dieser Stelle bekannt zu geben, wer diesen Preis erhält.
Der Sonderpreis 2025 geht an Simone Pareigis.
Liebe Frau Pareigis, Sie haben über viele Jahre hinweg Strukturen verbessert, Menschen gestärkt und Lücken geschlossen, die anderen verborgen geblieben wären. Sie haben Verantwortung nicht als Last verstanden, sondern als Möglichkeit.
Der Sonderpreis würdigt Menschen, die über einen außergewöhnlich langen Zeitraum ehrenamtlich wirken und deren Einsatz ein verlässlicher Bestandteil unseres Gemeinwesens geworden ist. Sie gehören zu diesen Menschen.
Dafür danken wir Ihnen. Und wir gratulieren Ihnen von Herzen.
Dr. Katja Pähle
