1. Preis (500 Euro): Projekt: Seelenpaten - Patenschaften für Kinder psychisch erkrankter Eltern
Laudatio – Renate Höppner, Pfarrerin i. R.
Von fünf Kindern möchte ich Ihnen heute erzählen. Sie leben in der gleichen Straße wie wir, im gleichen Dorf. Sie gehen in die Schule mit unseren Kindern und Enkelkindern. Wir sehen sie im Supermarkt – und kennen sie doch nicht.
Da ist Finn. Er ist acht Jahre alt, ein aufgeweckter Junge und neugierig. Zu Hause hat er nie Ruhe. Seine beiden jüngeren Geschwister wollen, dass er ständig mit ihnen spielt, die beiden älteren kann er vergessen: Jennifer hat nur Schminken und so etwas im Kopf, das versteht er gar nicht; und Paul denkt nur an seinen Fußball – soll er doch –, aber es nervt Finn. Seine Mutter hat er sehr gern, aber jeden zweiten Tag hat sie Kopfschmerzen und braucht ihre Ruhe. Finn sieht das ein, also kümmert er sich nach dem Kindergarten um seine kleineren Geschwister. Und abends, wenn er im Bett liegt und gern noch lesen möchte – denn das macht ihm Spaß –, hört er aus Pauls Zimmer irgendeinen Sport lautstark im Fernsehen und kann sich nicht konzentrieren. Den Vater hat er seit Monaten nicht gesehen; der sei auf Montage. Eigentlich ist sein Leben ganz schön hart – wenn da nicht die zwei Stunden jeden Freitagnachmittag wären. Die gehören ihm. Da trifft er sich mit Martina. Sie könnte fast seine Oma sein. Sie hat Zeit für ihn, nur für ihn, und sie machen viel Schönes miteinander: mal Kino, meistens aber unterhalten sie sich über Bücher und lesen sich gegenseitig aus Harry Potter, Band 3, vor. Finn ist so froh, dass Martina diese zwei Stunden für ihn da ist.
Da ist Linus. Er ist fünfzehn. Sie wohnen in einem großen, schönen Haus; eigentlich hat er viel mehr, als er braucht. Und wenn er sich etwas wünscht, bekommt er es meistens. Aber was er eigentlich bräuchte – Eltern, die Zeit für ihn haben –, hat er nicht. Sein Vater hat eine eigene Firma, und seine Mutter ist eigentlich immer traurig. Linus weiß, dass das eine Krankheit ist, und sein Vater überhäuft ihn deshalb mit Geschenken. Aber das hilft gar nichts. Da ist er unendlich froh, dass er sich einmal die Woche mit Martin treffen kann. Martin studiert an der Uni, irgendetwas Technisches, aber er teilt Linus’ Begeisterung für Musik. Zu gern würde Linus ein Instrument lernen, aber sein Vater meint, die Mutter brauche Ruhe zu Hause. Am liebsten würde Linus Schlagzeug spielen, aber das geht gar nicht – viel zu laut; dabei würde es keinen Nachbarn stören. Nun hat Martin ihm versprochen, einen aus einer Studentenband zu fragen, ob Linus einmal zu einer Probe kommen kann. Er ist so gespannt, ob das etwas wird. Linus ist froh, dass es Martin gibt.
Thore und Marit sind Zwillinge. Sie gehen in die große Gruppe ihrer Kita. Jeden Tag nach der Mittagsrunde überlegen sie, wie ihre Mutter heute wohl drauf ist. Die ganze Woche geht es schon hin und her: Mal ist sie super drauf – »Wir gehen heute Eis essen«, sagt sie, obwohl ein kalter Wind weht und es regnet. Gestern schien die Sonne, da wollte Marit gern ein Eis essen – da ist ihre Mutter bald ausgerastet, wieso sie mitten in der Woche auf die Idee käme, Eis zu essen. Sie wissen nie, diese beiden fünfjährigen Kinder, was sie am Nachmittag erwartet. Das verunsichert sie sehr. Da sind sie froh, dass sie einmal die Woche zu Opa Willi gehen können. Der holt sie vom Kindergarten ab, und schon in der vergangenen Woche haben sie überlegt, was sie wohl heute zusammen machen können. Sie freuen sich immer die ganze Woche auf diesen Nachmittag bei Opa Willi. Der gibt ihnen Kraft.
Und da ist noch Jenny. Sie ist sechzehn. Sie wächst bei ihrem Vater auf; die Mutter hat sie, als sie noch ein Baby war, einfach beim Freund gelassen und gesagt, sie reise jetzt um die Welt. Am Anfang hat sie noch Karten geschickt, aber seit Jahren weiß ihr Vater nicht mehr, wo sie ist. Als Jenny zwölf war, musste sie fast ein Jahr im Heim leben, weil ihr Vater einen langen Alkoholentzug machen musste. Er hat ihn geschafft – aber ohne seine Gruppe bei den AA würde er es nicht schaffen. Immer wenn er dort ist, trifft sich Jenny mit Nora. Nora ist eine junge Lehrerin. Manchmal nervt sie ein wenig, wenn sie fragt: »Wie geht’s in der Schule?«, aber eigentlich ist Jenny genau dafür sehr dankbar. Sie ist eine gute Schülerin, aber ab und zu braucht auch sie einen Stups. Und wenn sie ehrlich ist: Das macht Nora richtig gut – auch wenn es manchmal nervt.
Was verbindet Oma Martina mit Martin, dem Technikstudenten, und Opa Willi mit Nora, der jungen Lehrerin?
Sie schenken den Kindern, die ihnen für ein paar Stunden jede Woche anvertraut sind, das, was Kinder so dringend brauchen: Sicherheit, Geborgenheit, Verbundenheit, Anerkennung, Lob, Akzeptanz, Liebe und Aufmerksamkeit, Freiräume und Verlässlichkeit.
Vieles von dem, was Kinder so dringend brauchen, haben diese Kinder zu Hause nicht – obwohl sie Eltern haben, die sie eigentlich lieben, aber es nicht aus eigener Kraft schaffen, ihnen all das zu geben. Sie sind die Seelenpaten für diese Kinder und schenken ihnen Zeit, um Kind sein zu dürfen. Kinder aus Elternhäusern, in denen ein oder beide Elternteile psychische Lasten zu tragen haben, sind oft überfordert, wenn sie nicht – wie bei Ihnen, liebe Seelenpaten – solch einen Anlaufpunkt haben, der ihnen Verlässlichkeit und Struktur schenkt. Sie verschenken Ihre Zeit an Kinder, die so dankbar sind, dass Sie für sie da sind: als Gesprächspartner, zum Spielen, zum Diskutieren oder einfach als tolle Begleiter, mit denen man etwas unternehmen kann, das sonst gar nicht möglich wäre.
Sie alle sind ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Projekts „Seelenpatinnen“ des Trägerwerks Soziale Dienste in Sachsen-Anhalt. Es vermittelt Ehrenamtliche, die mindestens ein Jahr lang wöchentlich verlässlich Zeit mit einem Kind verbringen, dessen Eltern psychisch erkrankt sind. Die Patinnen ersetzen keine Therapie, aber sie sind stabile Bezugspersonen – etwas, das für diese Kinder oft entscheidend ist. Aktuell engagieren sich 29 Ehrenamtliche in diesem Projekt. Die Wirkung ist belegt: Eine verlässliche Bezugsperson außerhalb der Familie stärkt die seelische Widerstandskraft und senkt das Risiko, selbst zu erkranken.
Sie verschenken Ihre Zeit auch an die Zukunft, denn wenn diese Kinder Hilfe in dieser schwierigen Phase ihres Lebens haben, dann haben sie die Chance, gesund da durchzukommen. Wenn Kinder mit psychisch kranken Eltern keine Hilfe bekommen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass auch sie später psychisch krank werden. Zu Recht bekommen Sie in diesem Jahr den 1. Preis des „Reinhard-Höppner-Engagementpreises“. Sie tun damit nicht nur einzelnen Kindern gut und machen den Eltern eine Freude und sind eine Entlastung für sie, Sie schenken damit auch vielen Kindern eine gute Zukunft. Und die Kinder von heute sind unsere Zukunft.
Also: Von ganzem Herzen der Dank an Sie – für Ihr Engagement als Seelenpaten für die Kinder, aber genauso der Dank an Sie als Mitgestalter unserer gemeinsamen Zukunft.
Ich gratuliere Ihnen allen von ganzem Herzen. Sagen Sie es bitte auch all den Patinnen und Paten, die heute nicht hier sein können. Und lassen Sie nicht nach mit Ihrem Engagement: Das ist kein Sprint, sondern eher ein Marathonlauf. Und dazu wünsche ich Ihnen viel Kraft.
Renate Höppner
